Wenn das Immunsystem Histamin freisetzt – welche Rolle spielen Mastzellen?
In den vergangenen Teilen dieser Reihe haben wir bereits verschiedene Seiten des Themas Histamin beleuchtet.
Falls Du die ersten Teile noch nicht gelesen hast, findest Du sie hier:
- Histaminintoleranz beim Hund – Modethema oder blinder Fleck?
- Histamin in der Hundeernährung – steckt das Problem wirklich im Napf?
- Was passiert eigentlich zwischen Futternapf und Blut?
- Histamin ist keine feste Größe – warum der Darm selbst Histamin bilden kann
In den letzten Artikeln haben wir darüber gesprochen, wo Histamin herkommt und warum der Darm selbst zu einer Histaminquelle werden kann. Eine entscheidende Frage ist dabei allerdings noch offen geblieben:
Wer entscheidet eigentlich, wann Histamin überhaupt ausgeschüttet wird?
Die Antwort führt uns zu einer Zellart, die häufig ausschließlich mit Allergien in Verbindung gebracht wird, tatsächlich aber eine wesentlich umfassendere Aufgabe erfüllt: den Mastzellen.
Mastzellen – die Wächter an den Grenzen des Körpers

Mastzellen gehören zu den ersten Immunzellen, die auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren. Man findet sie überall dort, wo der Körper unmittelbar mit seiner Umwelt in Kontakt steht. Besonders zahlreich sitzen sie in der Haut, der Darmschleimhaut, den Atemwegen und anderen Schleimhäuten.
Genau dort treffen Krankheitserreger, Allergene, Parasiten oder andere Umweltreize zuerst auf den Organismus. Mastzellen bilden deshalb einen wichtigen Teil unserer angeborenen Immunabwehr. Sie beobachten gewissermaßen ihre Umgebung und reagieren innerhalb weniger Sekunden, wenn sie eine potenzielle Gefahr erkennen.
Dabei geht es längst nicht nur um Allergien. Mastzellen spielen unter anderem eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Parasiten, der Wundheilung, der Regulation von Entzündungsprozessen und der Kommunikation zwischen Immunsystem und Nervensystem.
Ein kleiner Vorratsschrank voller Botenstoffe
Man kann sich eine Mastzelle wie einen kleinen Vorratsschrank vorstellen.
In ihrem Inneren lagern zahlreiche Botenstoffe bereits fertig verpackt in winzigen Bläschen. Einer der bekanntesten davon ist Histamin.
Erkennt die Mastzelle ein entsprechendes Signal, öffnet sie diesen Vorratsschrank innerhalb weniger Sekunden und gibt die gespeicherten Stoffe in das umliegende Gewebe ab. Diesen Vorgang bezeichnet man als Degranulation.
Für den Körper ist das zunächst ein völlig normaler und sinnvoller Mechanismus. Histamin hilft dabei, Immunzellen schneller an den Ort des Geschehens zu bringen, Blutgefäße zu erweitern und die lokale Abwehr zu unterstützen. Ohne diese schnelle Reaktion könnten viele Verletzungen oder Infektionen deutlich schlechter kontrolliert werden.
Histamin ist also keineswegs der "Feind". Problematisch wird es erst dann, wenn Mastzellen übermäßig oder immer wieder aktiviert werden und dadurch dauerhaft größere Mengen Histamin freisetzen.
Mastzellen reagieren auf weit mehr als Allergene
Viele Menschen verbinden Histamin unmittelbar mit einer Allergie. Tatsächlich können Allergene Mastzellen aktivieren, sie sind jedoch längst nicht die einzigen Auslöser.

Unter anderem können auch
- Parasiten,
- bakterielle Bestandteile,
- Entzündungsprozesse,
- Gewebeschäden,
- bestimmte Medikamente,
- Hitze oder Kälte,
- mechanischer Druck
sowie Signale aus dem Nervensystem dazu führen, dass Mastzellen Histamin ausschütten.
Gerade dieser letzte Punkt macht das Thema so spannend.
Mastzellen stehen in engem Austausch mit Nervenfasern. Stressbotenstoffe und andere Signale des Nervensystems können ihre Aktivität beeinflussen. Gleichzeitig wirken die von Mastzellen freigesetzten Stoffe wiederum auf Nerven und andere Immunzellen zurück.
Es entsteht ein komplexes Netzwerk gegenseitiger Kommunikation.
Dadurch wird verständlich, warum manche Hunde scheinbar "ohne ersichtlichen Grund" immer wieder Symptome entwickeln. Nicht immer lässt sich ein einzelner Auslöser finden. Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig auf den Organismus ein.
Was passiert nach der Histaminfreisetzung?
Sobald Histamin freigesetzt wurde, verteilt es sich im umliegenden Gewebe und bindet an spezielle Andockstellen, sogenannte Histaminrezeptoren.
Je nachdem, an welchen Rezeptoren Histamin bindet, entstehen unterschiedliche Reaktionen.
Blutgefäße erweitern sich, wodurch Rötungen und Schwellungen entstehen können. Die Durchlässigkeit der Gefäßwände nimmt zu, Flüssigkeit tritt ins Gewebe über und es bilden sich Quaddeln. Gleichzeitig werden Nervenfasern gereizt, der Hund beginnt zu jucken.
Auch im Magen spielt Histamin eine wichtige Rolle. Dort regt es die Bildung von Magensäure an. Im Darm beeinflusst es unter anderem die Beweglichkeit des Verdauungstraktes sowie verschiedene Entzündungsprozesse.
Die Symptome, die wir beobachten, sind also keine direkte Wirkung der Mastzelle selbst, sondern die Folge der Signalübertragung durch Histamin.
Warum Antihistaminika häufig nur ein Teil der Lösung sind
An dieser Stelle entsteht häufig ein Missverständnis. Antihistaminika verhindern nicht, dass Mastzellen Histamin ausschütten. Sie blockieren lediglich die Rezeptoren, an denen Histamin normalerweise wirken würde.

Man könnte sagen:
Der Wasserhahn läuft weiter, nur der Ablauf wird vorübergehend verschlossen.
Das bedeutet keineswegs, dass Antihistaminika keinen Platz in der Behandlung haben. Gerade bei starkem Juckreiz oder akuten allergischen Reaktionen können sie dem Hund wertvolle Erleichterung verschaffen und helfen, den Organismus zunächst etwas zur Ruhe kommen zu lassen.
Für eine langfristige Stabilisierung reicht es jedoch häufig nicht aus, ausschließlich die Wirkung des Histamins zu blockieren. Denn die entscheidende Frage bleibt bestehen:
Warum schütten die Mastzellen überhaupt immer wieder Histamin aus?
Den Ursachen auf den Grund gehen
Genau an diesem Punkt verändert sich der Blick auf das gesamte Thema.
Statt ausschließlich das Histamin selbst zu betrachten, lohnt es sich, nach den Faktoren zu suchen, die den Organismus immer wieder in Alarmbereitschaft versetzen.
Dazu können, je nach Hund, ganz unterschiedliche Einflüsse gehören:
- Allergene oder andere individuelle Auslöser erkennen und möglichst vermeiden.
- Die Darmbarriere stärken und chronische Entzündungen reduzieren.
- Das Mikrobiom wieder in ein stabiles Gleichgewicht bringen.
- Die Hautbarriere unterstützen.
- Die Voraussetzungen für einen funktionierenden Histaminabbau verbessern.
- Das Immunsystem insgesamt wieder in eine bessere Regulation führen.
Nicht jeder Hund benötigt dabei dieselben Maßnahmen. Entscheidend ist vielmehr zu verstehen, welche Prozesse im jeweiligen Organismus aus dem Gleichgewicht geraten sind.
Der Blick richtet sich damit nicht mehr nur auf Histamin selbst, sondern auf das Zusammenspiel von Immunsystem, Darm, Mikrobiom und den natürlichen Regulationsmechanismen des Körpers.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Mastzellen selbstverständlich auch bei anderen Erkrankungen eine Rolle spielen können, beispielsweise bei Mastzelltumoren. Diese stellen jedoch ein eigenes medizinisches Themengebiet dar und unterscheiden sich grundlegend von den hier beschriebenen Regulationsprozessen.
Ausblick
Je mehr wir uns mit Histamin beschäftigen, desto deutlicher wird, dass es selten nur eine einzige Ursache gibt. Doch wenn Histamin aus so vielen unterschiedlichen Richtungen beeinflusst werden kann, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage:
Wie erkennt man eigentlich, ob Histamin beim eigenen Hund tatsächlich eine Rolle spielt?
Welche Untersuchungen sinnvoll sein können, welche Grenzen einzelne Laborwerte haben und warum der Blick auf Darm, Haut und Immunsystem oft wichtiger ist als ein isolierter Histaminwert, genau darum geht es im letzten Teil dieser Artikelreihe.
