Histamin ist keine feste Größe – warum der Darm selbst Histamin bilden kann
Im ersten Teil dieser Artikelreihe haben wir uns mit der Frage beschäftigt, ob es eine Histaminintoleranz beim Hund überhaupt gibt. Im zweiten Teil ging es darum, welche Rolle die Ernährung spielt und warum Histamin nicht automatisch im Futternapf beginnt. Im dritten Teil haben wir schließlich gesehen, dass der Darm keine offene Tür ist. Ein Teil des aufgenommenen Histamins wird bereits an der Dünndarmschleimhaut abgefangen und abgebaut, bevor er überhaupt den Blutkreislauf erreicht.
Damit haben wir bislang vor allem betrachtet, wie Histamin von außen in den Körper gelangt und wie der Organismus damit umgeht. Doch Histamin stammt nicht ausschließlich aus der Nahrung. Unter bestimmten Bedingungen kann es auch direkt im Darm entstehen.
Genau hier erweitert sich der Blick auf den Histaminstoffwechsel.
Denn neben den körpereigenen Histaminquellen können auch bestimmte Darmbakterien zur Histaminbildung beitragen. Sie verfügen über ein Enzym namens Histidindecarboxylase (HDC), mit dessen Hilfe sie die Aminosäure Histidin in Histamin umwandeln können.
Damit geht es plötzlich nicht mehr nur um die Frage, wie viel Histamin ein Hund mit dem Futter aufnimmt. Ebenso wichtig wird die Frage, wie viel Histamin überhaupt erst im Darm entsteht und welche Bedingungen diese Bildung begünstigen.
Genau diesem Zusammenhang wollen wir in diesem Artikel Schritt für Schritt nachgehen.
Histamin entsteht nicht aus dem Nichts
Wenn wir davon sprechen, dass Darmbakterien Histamin bilden können, klingt das zunächst fast so, als würden sie Histamin einfach „herstellen“. Tatsächlich steckt dahinter jedoch ein ganz normaler biologischer Stoffwechselprozess.

Ausgangspunkt ist die Aminosäure Histidin. Sie gehört zu den natürlichen Bestandteilen eiweißreicher Lebensmittel und gelangt mit der Nahrung in den Darm. Bestimmte Bakterienstämme besitzen das Enzym Histidindecarboxylase (HDC). Mit seiner Hilfe können sie Histidin in Histamin umwandeln.
Damit diese bakterielle Histaminbildung überhaupt stattfinden kann, müssen mehrere Voraussetzungen zusammenkommen: Es muss ausreichend Histidin als Ausgangssubstanz vorhanden sein, histaminbildende Bakterienstämme müssen Teil des Darmmikrobioms sein und ihre entsprechenden Stoffwechselwege unter den gegebenen Bedingungen überhaupt aktiv werden.
Allein dieser Zusammenhang macht deutlich, warum die Frage nach dem Histamingehalt eines Futters nur einen Teil der Geschichte erzählt. Denn selbst wenn ein Futtermittel nur wenig Histamin enthält, bedeutet das nicht automatisch, dass sich auch nur wenig Histamin im Darm befindet. Ein Teil kann unter bestimmten Bedingungen erst dort entstehen.
Welche Darmbakterien können Histamin bilden?
In den vergangenen Jahren konnten verschiedene Bakterien beschrieben werden, deren Stämme in der Lage sind, aus der Aminosäure Histidin Histamin zu bilden. Dazu gehören unter anderem Vertreter der Gattungen Clostridium, Escherichia, Klebsiella und Proteus.
An dieser Stelle ist jedoch eine wichtige Einschränkung notwendig.
Die Fähigkeit zur Histaminbildung ist nicht automatisch eine Eigenschaft der gesamten Bakterienart oder sogar einer ganzen Bakteriengattung. Häufig unterscheiden sich einzelne Stämme derselben Art erheblich in ihrem Stoffwechsel. Während einige Histidin mithilfe des Enzyms Histidindecarboxylase zu Histamin umwandeln können, fehlt diese Fähigkeit anderen Stämmen vollständig.

Allein der Nachweis eines bestimmten Bakteriums im Darm erlaubt deshalb noch keine Aussage darüber, ob dort tatsächlich Histamin gebildet wird. Entscheidend ist nicht nur, welche Bakterien vorhanden sind, sondern auch, welche Stoffwechseleigenschaften sie besitzen und unter welchen Bedingungen diese überhaupt aktiv werden.
Damit wird deutlich, warum einfache Einteilungen in „gute“ und „schlechte“ Darmbakterien zu kurz greifen. Das Darmmikrobiom besteht aus einem komplexen Netzwerk von Mikroorganismen, deren Stoffwechsel sich gegenseitig beeinflusst und an die Bedingungen im Darmmilieu anpasst.
Warum entsteht überhaupt mehr Histamin?
An diesem Punkt könnte leicht der Eindruck entstehen, dass histaminbildende Bakterien das eigentliche Problem sind. So einfach ist es jedoch nicht.
Ein Bakterium verändert seinen Stoffwechsel nicht ohne Grund. Ob Histamin im Darm entsteht, hängt nicht allein davon ab, welche Bakterien vorhanden sind. Entscheidend sind vielmehr die Bedingungen, unter denen sie leben.
Genau hier kommt das Darmmilieu ins Spiel.
Für diese Umwandlung benötigen die Bakterien nicht nur die entsprechende Stoffwechselausstattung, sondern auch ausreichend Histidin als Ausgangssubstanz. Gleichzeitig beeinflussen Faktoren wie der pH-Wert, die Zusammensetzung des Mikrobioms und das vorhandene Nährstoffangebot, welche Stoffwechselwege bevorzugt genutzt werden.
Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Verändert sich das Milieu im Darm, verändert sich häufig auch der bakterielle Stoffwechsel.
In der Praxis finden sich solche Veränderungen häufig nicht isoliert, sondern als Folge anderer Störungen. Eine unvollständige Eiweißverdauung, eine exokrine Pankreasinsuffizienz oder andere Verdauungsstörungen können dazu führen, dass größere Mengen unverdauten Eiweißes den Dickdarm erreichen. Dort stehen den Darmbakterien mehr Eiweißabbauprodukte und Aminosäuren, darunter auch Histidin, als Substrat zur Verfügung.

Gleichzeitig können eine gestörte Kolonisationsresistenz, Schleimhautveränderungen oder eine Dysbiose die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern. Dadurch verschieben sich nicht nur die vorhandenen Bakteriengemeinschaften, sondern häufig auch deren Stoffwechselaktivität.
Ein verändertes Darmmilieu kann dazu beitragen, dass histaminbildende Stoffwechselwege verstärkt genutzt werden.
Die Frage lautet deshalb nicht in erster Linie, welche Bakterien Histamin bilden können. Viel entscheidender ist, warum sich die Bedingungen im Darm so verändert haben, dass diese Stoffwechselwege überhaupt an Bedeutung gewinnen.
Denn häufig beginnt die eigentliche Geschichte nicht bei den Bakterien sondern bereits deutlich früher.
Was bedeutet dieses Wissen für die Praxis?
Wenn Histamin nicht ausschließlich mit der Nahrung in den Körper gelangt, verändert sich auch der Blick auf Hunde mit Verdacht auf eine Histaminproblematik.
Eine histaminarme Fütterung kann in manchen Situationen sinnvoll sein. Sie beantwortet jedoch nicht automatisch die Frage, warum überhaupt so viel Histamin im Darm vorhanden ist.
Entsteht Histamin zusätzlich durch bakterielle Stoffwechselprozesse, lohnt es sich, den Blick zu weiten. Wie gut funktioniert die Eiweißverdauung? Gibt es Hinweise auf eine Dysbiose oder Veränderungen der Darmschleimhaut? Ist das Darmmilieu so verändert, dass bestimmte Stoffwechselwege begünstigt werden?
Für Hundehalter bedeutet das vor allem eines: Nicht jede Reaktion auf ein Futter muss zwangsläufig am Futter selbst liegen. Manchmal lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen und zu fragen, ob der Darm dieses Futter überhaupt unter guten Bedingungen verarbeiten konnte.

Das kann auch erklären, warum ein Hund ein Futtermittel über Monate problemlos verträgt und später plötzlich darauf reagiert oder warum zwei Hunde auf dieselbe Mahlzeit völlig unterschiedlich reagieren.
Nicht immer hat sich das Futter verändert. Manchmal hat sich das Milieu im Darm verändert.
Nicht jede Histaminbelastung hat dieselbe Ursache und deshalb führt auch nicht jeder Hund über denselben Weg zurück ins Gleichgewicht.
Der entscheidende Schritt besteht deshalb oft nicht darin, einzelne Bakterien zu bekämpfen oder immer neue Futtermittel auszuprobieren. Zielführender ist es, die Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Stoffwechselprozesse überhaupt entstehen konnten.
Denn wenn sich das Darmmilieu wieder stabilisiert, verändert sich häufig auch der Stoffwechsel der dort lebenden Mikroorganismen. Genau deshalb lohnt es sich, bei chronischen Verdauungsproblemen oder wiederkehrenden Unverträglichkeitsreaktionen nicht nur auf den Napf zu schauen, sondern den Darm als Ganzes in den Blick zu nehmen.
Wer die Ursache verstehen möchte, sollte nicht nur fragen: „Welches Futter frisst mein Hund?“ Sondern auch: „Unter welchen Bedingungen verarbeitet sein Darm dieses Futter?“
Doch selbst wenn wir nun wissen, dass Histamin nicht nur mit der Nahrung aufgenommen, sondern auch im Darm gebildet werden kann, bleibt eine entscheidende Frage offen: Warum entwickeln manche Hunde trotz ähnlicher Voraussetzungen Beschwerden, während andere völlig unauffällig bleiben?
Im letzten Teil dieser Artikelreihe verlassen wir deshalb endgültig die Suche nach dem einen Auslöser und richten den Blick auf das große Ganze. Denn oft entscheidet nicht die Menge an Histamin allein darüber, ob Beschwerden entstehen, sondern das Gleichgewicht zwischen Histaminbildung und Histaminabbau.
