Warum Tiefe Zeit braucht

Manchmal höre ich einen Gedanken und merke sofort: Genau darum geht es eigentlich.

Heute war es so bei einem Vortrag von Robert Mehl zum Thema Verhaltenstherapie beim Hund. Es ging dabei gar nicht um den Gedanken, den ich heute mit euch teilen möchte, und trotzdem hat mich etwas daran sehr beschäftigt. Nämlich die Frage, wie viel Zeit es eigentlich braucht, bis aus Wissen wirklich Tiefe entsteht.

Für komplexe Themen gibt es keine schnellen Antworten. Das liegt schon in der Sache selbst. Wenn etwas aus vielen verschiedenen Zusammenhängen besteht, wenn unterschiedliche Faktoren ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen, dann lässt sich das eben nicht auf eine einzige Ursache oder eine schnelle Lösung herunterbrechen.

Und genau das vergessen wir, wenn wir über die Ausbildung und die Arbeit mit Hunden sprechenUnd genau das vergessen wir, wenn wir über die Ausbildung und die Arbeit mit Hunden sprechen

Ganz gleich, ob es um Verhalten, Training, Gesundheit oder Ernährung geht: Am Anfang braucht es eine solide Wissensbasis. Die ist unerlässlich. Doch Wissen allein macht noch keine Erfahrung.

Deshalb finde ich es so wichtig, dass fachliche Entwicklung Schritt für Schritt passiert.

Ein Hundetrainer beginnt beispielsweise nicht sinnvollerweise mit den schwierigsten Fällen von Problemverhalten oder gar Verhaltenstherapie. Er beginnt mit einer guten Grundlage und ganz normalen Hunden. Mit dem klassischen Training in einer Hundeschule, vielleicht zunächst in einer Gruppe mit ganz unterschiedlichen Familienhunden und ihren ganz alltäglichen kleinen Herausforderungen. Dort lernt er zu beobachten, anzuleiten, Situationen einzuschätzen und mit unterschiedlichen Mensch-Hund-Teams umzugehen.

Und irgendwann kommt der nächste Schritt: gezieltes Verhaltenstraining. Und möglicherweise, mit sehr viel mehr Erfahrung, auch die wirklich komplexen Fälle der Verhaltenstherapie.

Bei einem Tierheilpraktiker ist es im Grunde genauso. Nach einer Ausbildung kann man nicht plötzlich jede chronische und vielschichtige Krankengeschichte sicher begleiten. Man beginnt vielleicht mit einer kleinen Magen-Darm-Verstimmung oder einer unkomplizierten Ohrenentzündung, sammelt praktische Erfahrung und arbeitet sich langsam weiter vor. Praktika, Fortbildungen und vor allem der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen gehören für mich ganz selbstverständlich zu diesem Weg dazu.

Und auch bei der Ernährungsberatung lässt sich dieses Prinzip wunderbar erkennen. Erst einmal geht es um die ganz normale Fütterung eines gesunden erwachsenen Hundes. Dann kommen Welpen und Junghunde dazu, Senioren, unterschiedliche Lebenssituationen und irgendwann dann Hunde mit Erkrankungen, bei denen Ernährung plötzlich Teil eines viel komplexeren Gesamtbildes wird.

Denn genau dort verändert sich etwas.

Je komplexer ein Fall wird, desto weniger reicht es, nur das eigene Fachgebiet zu betrachten.

Ein Hund mit Schmerzen verhält sich anders. Ein Hund mit dauerhaften Verdauungsproblemen kann anders reagieren. Stress kann körperliche Prozesse beeinflussen, und körperliche Veränderungen können wiederum Verhalten beeinflussen. Ernährung spielt dabei ebenfalls eine Rolle.

Und plötzlich sind wir mitten in dem, was ich an meiner Arbeit so spannend finde: Verhalten, Körper und Ernährung lassen sich eben nicht immer sauber voneinander trennen.

Doch um diese Zusammenhänge wirklich beurteilen zu können, braucht es mehr als eine Ausbildung.

Es braucht Erfahrung. Viele unterschiedliche Hunde. Unterschiedliche Verläufe. Fälle, bei denen die erste Vermutung nicht gepasst hat. Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Fortbildungen. Praktische Arbeit. Und auch die Bereitschaft, die eigenen Grenzen zu erkennen.

Genau deshalb würde ich bei der Frage nach fachlicher Kompetenz nicht nur auf Zertifikate schauen.

Natürlich möchte ich wissen, welche Ausbildung jemand gemacht hat. Mindestens genauso interessant und wichtig finde ich, was danach passiert ist.

Wie lange arbeitet diese Person schon mit Hunden? Welche praktischen Erfahrungen hat sie gesammelt? Bildet sie sich weiter? Tauscht sie sich mit anderen aus? Und kann sie sagen: „Das ist ein Fall, den ich nicht alleine begleiten möchte, dafür hole ich jemanden dazu“?

Ich glaube, gerade dieser letzte Punkt sagt ziemlich viel aus.

Denn niemand kann alles und niemand muss alles können.

Wer gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat, darf Anfänger sein. Jeder von uns hat einmal angefangen. Das ist völlig normal. Jeder von uns hat einmal angefangen.

Was mir dabei nur manchmal Bauchschmerzen macht, ist die Geschwindigkeit, mit der heute vieles verkauft wird. Da werden Ausbildungen angeboten, für die man angeblich keinerlei Vorwissen braucht, und nach kurzer Zeit ist man bereit, mit seinem neuen Wissen direkt auf die Menschheit beziehungsweise auf die Hunde losgelassen zu werden. Und natürlich gibt es gleich noch die nächsten Zusatzqualifikationen dazu, damit man möglichst schnell noch mehr anbieten kann.

Schneller ist aber nicht automatisch tiefer.

Und gerade in unseren Bereichen glaube ich, dass wir uns diese Zeit viel öfter lassen sollten.

Auch wenn sie unspektakulär ist. Auch wenn man zwischendurch vielleicht das Gefühl hat, gar nicht so richtig voranzukommen. Auch wenn man manchmal gerne schon weiter wäre.

Ich kenne dieses Gefühl selbst sehr gut. Wenn man die ersten Jahre hinter sich hat, denkt man vielleicht noch: Boah, ich kann inzwischen richtig viel. Ich habe so viel gelernt. Ich habe das inzwischen wirklich voll drauf.

Doch genau dann beginnt eigentlich erst das Lernen.

Denn irgendwann kommt dieser Punkt, an dem man merkt, dass das Wissen nicht weniger, sondern immer mehr wird.

Je mehr man versteht, desto mehr Fragen tauchen plötzlich auf. Da ist noch ein Zusammenhang, den man bisher gar nicht gesehen hat. Noch eine Frage, die man sich vorher überhaupt nicht gestellt hat. Eine Antwort, die plötzlich eine ganz neue Frage aufwirft. Und ein Thema, von dem man dachte, man hätte es längst verstanden, bekommt auf einmal noch eine ganz andere Tiefe.

Und genau das finde ich so spannend am Lernen.

Man wächst nicht nur, weil man immer mehr Antworten kennt. Man wächst auch, weil man immer mehr Fragen sieht.

Für mich war genau das ein ganz wichtiger Teil meiner eigenen Entwicklung. Nicht nur immer mehr Wissen anzusammeln, sondern Erfahrungen zu machen, unterschiedliche Hunde und ihre ganz eigenen Geschichten kennenzulernen, Dinge auszuprobieren, manchmal auch festzustellen, dass etwas anders funktioniert als gedacht und mit den Jahren immer deutlicher zu erkennen, wie viel es eigentlich noch zu entdecken gibt.

Genau das ist ein ziemlich guter Schritt in Richtung fachlicher Tiefe.

Deshalb möchte ich gerade denjenigen, die noch am Anfang stehen Mut machen: Ihr müsst nicht schon alles können.

Ihr dürft Anfänger sein.

Ihr dürft euch Zeit lassen.

Sammelt eure Erfahrungen. Schaut euch Fälle an. Macht Praktika. Sprecht mit Kolleginnen und Kollegen. Fragt nach. Bildet euch weiter. Und habt keine Angst davor, irgendwann festzustellen, dass ihr etwas noch nicht könnt.

Das ist kein Zeichen dafür, dass ihr auf dem falschen Weg seid.

Es ist viel eher ein Zeichen dafür, dass ihr gerade wirklich anfangt, euren Weg zu gehen.

Und gleichzeitig möchte ich auch den Hundehalterinnen und Hundehaltern Mut machen, genauer hinzuschauen.

Nicht aus Misstrauen. Sondern aus Verantwortung.

Wir leben in einer Zeit, in der uns sehr schnell vermittelt wird, wer Experte ist. Eine schöne Website, ein professioneller Instagram-Auftritt, ein paar Zertifikate an der Wand und schon entsteht bei uns ganz automatisch der Eindruck: Der oder die wird schon wissen, was er tut.

Gerade in der Hundewelt lohnt es sich, ein bisschen genauer hinzusehen. Viele der Berufe, über die wir hier sprechen, sind keine klassischen staatlich geregelten Ausbildungsberufe. Entsprechend unterschiedlich können Ausbildungswege, Inhalte und praktische Erfahrungen sein.

Ein Zertifikat kann deshalb eine Information sein. Es ist jedoch nicht automatisch ein Beweis für fachliche Tiefe.

Du darfst Fragen stellen.

Du darfst wissen wollen, wo jemand seine Ausbildung gemacht hat, wie lange er schon arbeitet und in welchem Bereich er tatsächlich Erfahrung gesammelt hat. Du darfst fragen, wie er zu seiner Einschätzung kommt. Und Du darfst auch einmal sagen: „Das klingt für mich noch nicht schlüssig, kannst du mir das bitte erklären?“

Das ist keine Unhöflichkeit, das ist Eigenverantwortung.

Und genau diese Eigenverantwortung wünsche ich mir - für beide Seiten.

Für die Menschen, die mit Hunden arbeiten, bedeutet sie für mich, die eigenen Grenzen zu kennen und nicht mehr zu versprechen, als man tatsächlich leisten kann.

Und für Hundehalter bedeutet sie, nicht einfach die Verantwortung abzugeben, nur weil jemand eine bestimmte Berufsbezeichnung trägt.

Nicht: Der ist Hundetrainer, der wird schon wissen, was er tut.

Nicht: Die ist Tierheilpraktikerin, die wird schon wissen, was sie tut.

Und auch nicht: Das ist eine Ernährungsberaterin, die wird schon wissen, was sie tut.

Sondern: Ich schaue mir an, wer da vor mir sitzt. Ich stelle Fragen. Ich höre zu. Ich bilde mir eine eigene Meinung. Und ich entscheide dann, wem ich meinen Hund anvertraue.

Denn gute fachliche Arbeit braucht beides: Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Wissen und ihre eigenen Grenzen zu übernehmen, und Menschen, die bereit sind, sich selbst ein Bild zu machen und Verantwortung für die Entscheidungen rund um ihren Hund zu tragen.

Genau diese Art von Zusammenarbeit wünsche ich mir: dass wir auf beiden Seiten bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Dass diejenigen, die mit Hunden arbeiten, nicht den Anspruch haben, auf alles eine Antwort zu haben, sondern neugierig bleiben, weiterlernen und ihre eigenen Grenzen kennen.

Und dass diejenigen, die mit ihren Hunden zu uns kommen, sich genauso erlauben, Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Denn am Ende geht es nicht darum, wer die meisten Zertifikate an der Wand hängen hat oder die schönste Internetseite besitzt.

Es geht darum, wie viel Wissen da ist, wie viel Erfahrung dahintersteht, wie aufmerksam jemand hinschaut und ob er bereit ist, weiterzulernen.

Genau das ist für mich fachliche Tiefe:

Nicht irgendwann zu sagen: Jetzt weiß ich alles.

Sondern immer wieder zu entdecken: Da gibt es noch mehr.

Noch eine Frage, noch einen Zusammenhang, noch eine Erfahrung, die etwas verändert.

Und genau deshalb hört dieser Weg nie wirklich auf.

Wissen kann man lernen. Erfahrung muss man machen.
Und Tiefe braucht Zeit.

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