Musst Du wirklich alles richtig machen, um ein guter Hundehalter zu sein?

Ich frage mich gerade, wann das eigentlich passiert ist. Wann wir angefangen haben, Hundehaltung so zu betrachten, als gäbe es für nahezu alles eine richtige und eine falsche Entscheidung. Und vor allem: Wann aus der Sorge, es für den eigenen Hund gut machen zu wollen, diese Angst geworden ist, es möglicherweise falsch zu machen.

Vielleicht kennst Du das selbst. Du liest etwas über Fütterung und denkst plötzlich: Hoffentlich bekommt mein Hund nicht das falsche Futter. Dann stolperst Du über einen Beitrag zum Thema Darmgesundheit und fragst Dich, ob Du bisher vielleicht wichtige Dinge übersehen hast. Beim nächsten Mal geht es um Impfungen, Parasitenprophylaxe, Training, Beschäftigung, Verhalten, Haltung, Stress, Schlaf oder Nahrungsergänzung. Und irgendwann fragst Du Dich vielleicht sogar, wie viel Du eigentlich über Deinen Hund wissen müsstest, um überhaupt alles richtig machen zu können.

Dabei wolltest Du doch eigentlich nur wissen, was für Deinen Hund sinnvoll ist.

Stattdessen hast Du nach einer Weile das Gefühl, eine ziemlich lange Liste abarbeiten zu müssen, um ein guter Hundehalter zu sein.

Das Interessante daran ist: Die einzelnen Informationen müssen dafür nicht einmal falsch sein.

Nehmen wir die Fütterung. Du fütterst Trockenfutter und liest, dass Trockenfutter problematisch sein kann. Also schaust Du Dir Nassfutter an. Dort findest Du den nächsten Hinweis, worauf Du achten solltest. Dann beschäftigst Du Dich mit Frischfütterung und stellst irgendwann fest, dass auch dabei einiges berücksichtigt werden muss. Und wenn Du dann noch über Nahrungsergänzungen liest, hast Du ziemlich schnell das Gefühl, dass es eigentlich kaum möglich ist, einen Napf zusammenzustellen, ohne irgendwo einen Fehler zu machen.

Bei Impfungen kann es ganz ähnlich werden. Impfungen können Nebenwirkungen haben, also soll man natürlich darüber nachdenken, was wirklich notwendig ist. Gleichzeitig gibt es Impfungen, die aus gutem Grund empfohlen werden. Und schon stehen sich zwei Botschaften gegenüber, die beide sehr ernst klingen können: Wenn Du zu viel impfst, schadest Du Deinem Hund. Wenn Du zu wenig impfst, schützt Du ihn nicht ausreichend.

Und beim Training wird es manchmal fast schon kurios. Trainierst Du mit Futter, kann Dir jemand erklären, dass Dein Hund dadurch abhängig von Belohnungen wird. Trainierst Du anders, bekommst Du vielleicht zu hören, dass Du damit seine Beziehung zu Dir oder sein Vertrauen beschädigst. Beschäftigst Du Deinen Hund viel, ist er womöglich überfordert. Beschäftigst Du ihn wenig, wird er nicht ausreichend ausgelastet.

Was soll man denn da noch denken?

Denn irgendwann geht es gar nicht mehr darum, den eigenen Hund besser zu verstehen. Irgendwann geht es nur noch darum, möglichst nichts falsch zu machen. Und das verändert unseren Blick.

Der Hund frisst einmal sein Futter nicht und wir denken nicht mehr einfach: Hm, ungewöhnlich. Mal schauen, wie es ihm sonst geht. Wir denken: Was stimmt denn jetzt nicht? Der Kot ist einmal weich und schon beginnt die Suche nach der Ursache. Die Darmflora? Eine Unverträglichkeit? Vielleicht etwas Entzündliches? Vielleicht fehlt etwas? Vielleicht habe ich mit dem Futter etwas falsch gemacht? Der Hund ist nach dem Spaziergang aufgedreht und wir überlegen, ob sein Nervensystem dysreguliert ist. Er reagiert auf einen anderen Hund und wir fragen uns, ob wir im Training versagt haben.

Und dann kommt der nächste Beitrag auf Instagram. Und der nächste. Und der nächste. Jeder einzelne möchte uns etwas erklären. Das ist ja eigentlich wunderbar. Noch nie hatten wir so einen einfachen Zugang zu Informationen über Hunde. Wir können uns in wenigen Minuten mit Themen beschäftigen, für die wir früher ein Buch hätten kaufen oder einen Experten suchen müssen.

Nur entsteht aus dieser Fülle nicht automatisch Sicherheit. Manchmal entsteht genau das Gegenteil. Denn wenn ich immer wieder höre, was alles passieren kann, beginne ich irgendwann, meinen Hund nicht mehr nur zu beobachten. Ich beginne, nach Problemen zu suchen.

Und das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Ich habe das in dieser Woche selbst noch einmal sehr deutlich erlebt, als ich ein Webinar zur Darmgesundheit einer Kollegin angeschaut habe. Ich saß da und merkte irgendwann, wie stark die Emotionen der Halter angesprochen wurden. Nicht unbedingt durch falsche Aussagen. Vieles davon hatte durchaus einen fachlichen Hintergrund. Doch wenn sich eine Aussage an die nächste reiht und immer wieder mitschwingt, was passieren könnte, wenn Du dieses oder jenes nicht tust, entsteht irgendwann ein ziemlich ungutes Gefühl.

Wenn ich das jetzt nicht beachte, schade ich meinem Hund.

Denn natürlich wollen wir unseren Hunden nicht schaden. Wer sich mit solchen Themen beschäftigt, tut das doch meistens gerade deshalb, weil ihm sein Hund wichtig ist. Der möchte verstehen, vorsorgen und möglichst gute Entscheidungen treffen. Wenn ich diesen Menschen dann immer wieder erzähle, was er alles falsch machen könnte, erreiche ich möglicherweise etwas ganz anderes als mehr Aufmerksamkeit. Ich mache ihn unsicher.

Und ein unsicherer Mensch handelt nicht unbedingt überlegter. Manchmal handelt er einfach mehr. Das Futter wird gewechselt, weil irgendwo etwas darüber stand. Dann kommt ein neues Präparat dazu. Eine Untersuchung wird gemacht, weil man auf keinen Fall etwas übersehen möchte. Die Trainingsmethode wird verändert. Dann kommt eine weitere Empfehlung dazu. Vielleicht wird plötzlich jedes kleine Verhalten bewertet und nach einer Erklärung gesucht. Und irgendwann laufen so viele Dinge gleichzeitig, dass man gar nicht mehr weiß, was eigentlich gerade passiert.

Das finde ich wirklich spannend. Wir wollen so sehr vermeiden, einen Fehler zu machen, dass wir am Ende vielleicht viel mehr verändern, als unser Hund überhaupt gebraucht hätte. Und damit können aus lauter gut gemeinter Vorsicht tatsächlich neue Probleme entstehen.

Dabei machen wir Fehler. Natürlich. Jeder Mensch, der mit einem Hund lebt, wird irgendwann eine Entscheidung treffen, die er später vielleicht anders treffen würde. Ich auch. Du auch. Wir wissen am Anfang eines gemeinsamen Lebens schließlich noch längst nicht alles über diesen Hund.

Und meistens passiert auch nicht sofort eine Katastrophe, nur weil wir einmal etwas nicht optimal gemacht haben.

Ein Hund ist kein empfindliches Kartenhaus, das zusammenfällt, weil sein Mensch einmal die falsche Entscheidung getroffen hat. Er ist ein lebendes System. Er passt sich an, reguliert, reagiert, lernt und verändert sich. Und manchmal ist der Zusammenhang zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir beobachten, viel weniger eindeutig, als uns manche Informationen glauben lassen.

Einmal weicher Kot ist eben etwas anderes als chronischer Durchfall. Ein Training, das heute nicht gut funktioniert, ist etwas anderes als ein dauerhaft ungünstiger Umgang. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als nicht optimal herausstellt, ist etwas anderes als jahrelanges Ignorieren deutlicher Probleme.

Diese Unterschiede sind wichtig. Und ich glaube, sie gehen verloren, wenn wir über Hundegesundheit und Hundehaltung ständig in Kategorien von richtig und falsch sprechen.

Denn dann wird aus einer fachlichen Information schnell eine Bewertung. Aus „Das solltest Du wissen“ wird „Das musst Du tun“. Und aus „Das könnte für Deinen Hund sinnvoll sein“ wird „Wenn Du das nicht machst, schadest Du ihm.“ Manchmal wird daraus sogar ganz direkt oder indirekt die Botschaft: Wenn Du das anders machst, bist Du kein guter Hundehalter.

Und spätestens da geht es nicht mehr nur um Wissen.

Dann geht es um Schuld.

Ich frage mich, ob wir unseren Hunden damit wirklich einen Gefallen tun.

Denn eigentlich sollte Wissen doch etwas anderes mit uns machen. Es sollte uns neugieriger machen. Es sollte uns helfen, genauer hinzuschauen, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu verstehen. Es sollte uns Möglichkeiten eröffnen, statt uns ständig das Gefühl zu vermitteln, dass hinter der nächsten Ecke schon der nächste Fehler wartet.

Natürlich gibt es Dinge, bei denen es klare Empfehlungen gibt. Natürlich gibt es Entscheidungen, die sinnvoller sein können als andere. Natürlich gibt es Situationen, in denen man nicht einfach abwarten sollte. Darum geht es überhaupt nicht.

Es geht um die Frage, was wir mit all diesem Wissen machen.

Ob wir jede neue Information sofort auf unseren eigenen Hund übertragen. Ob wir aus einem möglichen Zusammenhang gleich eine Erklärung machen. Ob wir anfangen, überall Probleme zu suchen, nur weil wir inzwischen wissen, dass es sie geben könnte.

Oder ob wir uns die Zeit nehmen, erst einmal hinzuschauen.

Das ist die Art von Wissen, die ich mir wünsche: Wissen, das uns nicht sagt, dass wir ständig aufpassen müssen, keinen Fehler zu machen, sondern uns dabei unterstützt, unseren Hund besser einzuordnen. Wissen, das Orientierung gibt, ohne aus jeder Unsicherheit einen Alarm zu machen.

Denn wir brauchen nicht weniger Wissen über Hunde. Im Gegenteil. Wir dürfen immer mehr darüber lernen, wie sie funktionieren, was sie brauchen und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun.

Doch wir brauchen eine andere Art, dieses Wissen zu vermitteln.

Eine, die Menschen nicht mit dem Gefühl zurücklässt, sie müssten erst einmal beweisen, dass sie gute Hundehalter sind.

Eine, die Raum lässt für unterschiedliche Hunde, unterschiedliche Lebenssituationen und auch für die Erkenntnis, dass eine Entscheidung, die für den einen Hund sinnvoll ist, für einen anderen eben nicht die richtige sein muss.

Und genau das gehört zu einem guten Umgang mit Wissen: dass es uns sicherer macht, ohne uns die Sicherheit vorzugaukeln, immer alles richtig machen zu können.

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