
Die Quadratur des Kreises
Warum die Hundewelt auf einer Ebene diskutiert, auf der die Wissenschaft wesentlich weniger weiß, als die Diskussion suggeriert
So. Heute Morgen war mein Ziel eigentlich ein ganz anderes.
Ich wollte einen schönen Blogbeitrag zum Thema Hundeernährung schreiben. Einen Beitrag, der sich mit einer Frage beschäftigt, die mir seit Langem im Kopf herumgeht: Woher kommen eigentlich all die Gewissheiten darüber, wie ein Hund ernährt werden sollte?
Mehr Fleisch. Weniger Getreide. Am besten roh. Oder doch gekocht? Trockenfutter ist verarbeitet. Extrudiertes Futter ist erhitzt. Getreide ist für Hunde angeblich nicht natürlich. Der Hund stammt vom Wolf ab und der Wolf frisst schließlich Fleisch. BARF ist die ursprüngliche Ernährung. Oder eben gerade nicht.
Man kennt diese Diskussionen. Und ich dachte mir: Dann schauen wir doch einfach einmal genauer hin.
Nicht nach Meinungen. Nicht danach, was sich besonders überzeugend anhört. Sondern nach den Daten.
Ich wollte wissen: Was wissen wir eigentlich wirklich darüber, was Hunde gut vertragen? Was wissen wir über Fleisch, Getreide, Rohfütterung, Kochen, Extrusion und Fertigfutter? Und lässt sich daraus irgendwann eine belastbare Aussage ableiten, was für einen Hund tatsächlich besser oder schlechter ist?
Ich war ziemlich optimistisch.
Also bin ich losgelaufen

Mein erster Weg führte mich in die Geschichte der Hundeernährung.
Denn wenn heute immer wieder davon gesprochen wird, der Hund sei eigentlich ein Fleischfresser und eine möglichst fleischreiche Ernährung sei deshalb die natürliche Ernährung des Hundes, müsste sich das ja irgendwie historisch wiederfinden lassen.
Und tatsächlich: Hunde bekamen Fleisch. Innereien. Schlachtabfälle. Knochen. Blut.
Doch eben nicht nur.
Wir finden historische Hinweise auf Brot und Getreide, auf Breie, auf Getreidemahlzeiten, auf menschliche Lebensmittel und auf ganz unterschiedliche Mischungen. Schon im Mittelalter gibt es beispielsweise Hinweise darauf, dass Hunde Brot erhielten. Auch in historischen Aufzeichnungen aus Adelshöfen finden sich spezielle Bäcker für kleine Hunde.
Das war interessant.
Nur war es eben auch nicht die Antwort, die ich gesucht hatte.
Denn aus der Tatsache, dass Hunde früher Fleisch bekamen, lässt sich nicht ableiten, dass eine besonders fleischreiche Ernährung die für Hunde optimale Ernährung ist.
Und aus der Tatsache, dass Hunde Brot und Getreide bekamen, lässt sich genauso wenig ableiten, dass Getreide deshalb grundsätzlich besonders gut für Hunde ist.
Die Geschichte zeigte mir also etwas anderes: Die Ernährung von Hunden war schon immer vielfältiger, als es manche heutigen Ernährungserzählungen vermuten lassen.
Gut.
Nächster Versuch.Nächster Versuch.
Vielleicht ist es ja BARF

Also habe ich mir die Geschichte der Rohfütterung genauer angesehen. Und auch hier wurde es spannend, denn je weiter ich zurückging, desto deutlicher wurde: Rohfütterung und BARF sind nicht dasselbe.
Natürlich wurden Hunde schon lange vor BARF mit rohen tierischen Bestandteilen gefüttert. Das ist überhaupt keine Frage. Doch die Ernährungsidee, die wir heute mit BARF verbinden, also eine bewusst zusammengestellte, systematische Rohfütterung und die Vorstellung, damit besonders nah an der ursprünglichen Ernährung des Hundes zu sein, ist noch gar nicht so alt.
Ein Name taucht dabei ziemlich schnell auf: Ian Billinghurst. Sein Buch Give Your Dog a Bone erschien 1993 und wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt der modernen BARF-Bewegung. Von dort aus verbreitete sich die Idee weiter, auch nach Europa und in den deutschsprachigen Raum.
Das fand ich spannend, denn damit war zumindest eines klar: Die heutige BARF-Bewegung ist keine jahrhundertealte Tradition, die irgendwann vom Fertigfutter verdrängt wurde und die wir heute einfach wiederentdecken. Natürlich gab es schon immer Menschen, die ihre Hunde roh gefüttert haben. BARF als systematisiertes Ernährungskonzept mit einer eigenen Vorstellung davon, was „natürlich“ und für den Hund ursprünglich sei, hat jedoch eine deutlich jüngere Geschichte.
Damit war die einfache Erzählung „früher roh, dann kam das Fertigfutter und heute kehren wir wieder zur ursprünglichen Ernährung zurück“ schon einmal vom Tisch.
Doch eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes wissen.
Nicht, wann Menschen angefangen haben, Hunde roh zu füttern. Und auch nicht, ob BARF eine interessante oder nachvollziehbare Ernährungsidee ist.
Ich wollte wissen, ob sich die dahinterstehende Behauptung wissenschaftlich halten lässt: Ist eine rohe Ernährung für Hunde tatsächlich besser verträglich oder langfristig gesünder als eine gekochte oder industriell hergestellte Ernährung?
Und damit war ich wieder genau bei meinem Ausgangspunkt.
Wenn die Geschichte uns diese Antwort nicht geben konnte, musste ich eben dort weitersuchen, wo wir heute eigentlich die besten Antworten erwarten: bei der Wissenschaft.

Vielleicht verrät uns die Wissenschaft, was der Hund braucht
Jetzt wurde es richtig interessant. Denn wenn wir die Geschichte einmal beiseitelassen, müsste die moderne Forschung uns doch eigentlich weiterhelfen können. Schließlich gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Studien zu den unterschiedlichsten Formen der Hundeernährung: Rohfütterung, gekochtes Futter, extrudiertes Futter, Verdaulichkeit, Darmflora, kurzkettige Fettsäuren, Stärkeverdauung, Proteinverdaulichkeit und vieles mehr.
Es gibt Untersuchungen, in denen Hunde über einen bestimmten Zeitraum roh gefüttert wurden, andere bekamen gekochtes Futter, wieder andere extrudiertes Futter. Es wurden Blutwerte bestimmt, Kot untersucht, die Zusammensetzung der Mikrobiota angeschaut und gemessen, wie gut bestimmte Nährstoffe verdaut wurden.
Und natürlich findet man Unterschiede.
Das wäre auch ziemlich erstaunlich, wenn unterschiedliche Lebensmittel und unterschiedliche Herstellungsverfahren überhaupt keinen Einfluss darauf hätten, was im Hund passiert.
Genau hier begann meine Recherche aber zunehmend kompliziert zu werden. Denn zunächst dachte ich bei fast jeder interessanten Studie: Jetzt haben wir es. Jetzt kommen wir der Antwort näher.
Eine Untersuchung zeigt beispielsweise, dass ein bestimmtes Futter unter bestimmten Bedingungen besser verdaulich ist. Eine andere findet Veränderungen in der Darmflora. Eine weitere zeigt Unterschiede bei bestimmten Stoffwechselprodukten, wieder eine andere bei der Kotkonsistenz oder einzelnen Blutwerten.
Und all das kann wissenschaftlich vollkommen korrekt und interessant sein.
Nur beantwortet es eben nicht automatisch die große Frage, die ich eigentlich gestellt hatte.
Denn wenn ein Futter in einer Untersuchung besser verdaulich ist, heißt das noch lange nicht, dass die entsprechende Ernährungsform für den Hund insgesamt gesünder ist. Wenn sich die Darmflora verändert, wissen wir damit noch nicht, ob diese Veränderung für den Hund langfristig einen Vorteil oder einen Nachteil bedeutet. Und wenn sich die Kotkonsistenz unterscheidet, haben wir damit ebenfalls noch keine Antwort darauf, welche Ernährungsform insgesamt die bessere ist.
Je genauer ich hinschaute, desto deutlicher wurde mir deshalb: Wir finden sehr viele Antworten auf kleine Fragen, aber kaum eine Antwort auf die große.
Und genau das begann mich zu frustrieren.
Denn ich suchte ja nicht nach dem Nachweis, dass Verarbeitung überhaupt etwas verändert. Natürlich tut sie das. Ich suchte auch nicht nach dem Beweis, dass ein bestimmter Nährstoff unter bestimmten Bedingungen besser oder schlechter verdaut wird.
Ich wollte wissen, ob wir daraus irgendwann einen belastbaren Schluss ziehen können:
Ist rohe Ernährung für Hunde grundsätzlich verträglicher als gekochte? Ist gekocht grundsätzlich besser als extrudiert? Ist ein weniger verarbeitetes Futter langfristig gesünder? Oder gibt es vielleicht doch eine bestimmte Zusammensetzung, mit der Hunde nachweislich besser zurechtkommen?
Und genau diese Antworten bekam ich nicht.
Also dachte ich mir: Dann nehmen wir einmal einen anderen Weg.
Wenn wir schon nicht aus der Zubereitungsform herausfinden, was für den Hund besser ist, schauen wir doch einmal auf einen der großen Streitpunkte überhaupt:
Getreide, vielleicht finden wir dort ja eine belastbarere Antwort.

Dann kam also das Getreide
Natürlich. Denn wenn es um Hundeernährung geht, landet man irgendwann unweigerlich bei Getreide. Weizen, Reis, Hafer, Gerste, Mais und damit bei der großen Frage: Braucht ein Hund überhaupt Getreide?
Auch hier gibt es jede Menge Diskussion. Der Hund stammt vom Wolf ab, Wölfe fressen keine Getreidekörner, Hunde können Stärke verdauen, Hunde haben sich an menschliche Nahrung angepasst, Getreide macht krank, Getreide ist eine wertvolle Energiequelle, Hunde brauchen eigentlich gar keine Kohlenhydrate, Hunde können Kohlenhydrate dagegen hervorragend verwerten. Man kann sich mit diesen Argumenten problemlos einen ganzen Nachmittag beschäftigen.
Und je länger ich mich damit beschäftigte, desto spannender fand ich die historischen Quellen. Denn wenn wir heute so selbstverständlich darüber sprechen, was eigentlich „artgerecht“ für einen Hund ist, lohnt sich vielleicht ein Blick darauf, was Menschen ihren Hunden tatsächlich gegeben haben.
Dabei begegnete mir wieder diese wunderbare Geschichte vom französischen Königshof. 1547 wurde dort ein „boulengier des petits chiens blancs“ geführt, ein Bäcker für die kleinen weißen Hunde des Königs. Anthoine Andrault wurde in den Hofaufzeichnungen genau mit dieser Bezeichnung erwähnt und für seine Arbeit bezahlt.
Ich finde dieses Detail deshalb so schön, weil es die Diskussion plötzlich aus der Abstraktion holt. Da reden wir nicht mehr darüber, ob „der Hund“ irgendwann einmal theoretisch Getreide gefressen haben könnte. Da gab es tatsächlich einen Menschen, dessen Aufgabe es war, Brot für kleine Hunde am französischen Königshof herzustellen.
Natürlich beweist dieser Hundebäcker nicht, dass Getreide für Hunde grundsätzlich gesund oder notwendig ist. Aber er zeigt etwas anderes: Die Vorstellung, Getreide habe im Leben von Hunden grundsätzlich nichts verloren, lässt sich historisch nicht so einfach aufrechterhalten.
Und dann kam die moderne Forschung wieder ins Spiel.
Und je genauer ich mir diese Frage zur Stärkeverdauung ansah, desto schneller landete ich bei einem Begriff, der in der Diskussion um die Ernährung des Hundes immer wieder auftaucht: Amylase.

Und dann kam die berühmte Amylase-Geschichte
Vielleicht, dachte ich, liegt hier der Schlüssel.
Hunde haben im Vergleich zu Wölfen Veränderungen im Bereich der Stärkeverdauung. Besonders die AMY2B-Kopienzahl wurde untersucht und mit der Fähigkeit zur Stärkeverdauung in Verbindung gebracht. Das klang zunächst tatsächlich nach genau der Art von Beleg, die ich gesucht hatte. Endlich ein konkreter Unterschied zwischen Hund und Wolf, der etwas mit Ernährung zu tun hat. Möglicherweise ließ sich daraus ja doch ableiten, welchen Einfluss die Ernährung auf die Entwicklung des Hundes gehabt hatte
Bis man genauer hinschaut.
Denn die ursprüngliche Interpretation dieser Forschung wurde später deutlich differenzierter betrachtet. Die AMY2B-Kopienzahl ist innerhalb der Hundepopulationen sehr unterschiedlich und lässt sich nicht einfach als sauberer Beweis dafür lesen, dass der Hund bereits seit Beginn seiner Domestikation auf eine stärkereiche Ernährung ausgerichtet war.
Es gibt vielmehr Hinweise darauf, dass sich solche Anpassungen in bestimmten Populationen im Zusammenhang mit späteren landwirtschaftlich geprägten Lebensweisen entwickelt haben könnten. Das ist wissenschaftlich interessant und erzählt uns einiges über die Entwicklungsgeschichte des Hundes.
Doch daraus wird eben nicht:
Getreide ist gut für Hunde.
Und schon gar nicht:
Getreide ist notwendig für Hunde.
Damit hatte ich also wieder einen echten wissenschaftlichen Befund vor mir – nur eben keine allgemeine Ernährungsempfehlung.
Und langsam wurde ich wirklich ein bisschen sauer.
Denn genau das war inzwischen das Muster meiner gesamten Recherche: Ich fand immer wieder etwas, das spannend war, etwas, das tatsächlich belegt war und das einen Teil der Geschichte erklären konnte. Sobald ich jedoch daraus die große Antwort machen wollte, war sie plötzlich wieder weg.

Vielleicht ist es das Protein
Dann eben andersherum.
Wenn Getreide uns nicht zur Antwort führt, schauen wir auf das Protein.
Und hier wird es in der Hundewelt besonders spannend. Denn „viel Protein“ und „viel Fleisch“ werden erstaunlich oft beinahe synonym verwendet, obwohl sie es überhaupt nicht sind.
Protein ist ein Nährstoff. Fleisch ist ein Lebensmittel beziehungsweise eine Proteinquelle. Ein Futter kann also viel Protein enthalten, ohne besonders viel Fleisch zu enthalten. Und umgekehrt kann ein Futter relativ viel Fleisch enthalten, ohne deshalb extrem proteinreich zu sein.
Auch die Geschichte des sogenannten High-Protein-Futters lässt sich tatsächlich zurückverfolgen. Bereits in den 1970er-Jahren wurden Produkte ausdrücklich als „High Protein“ für arbeitende Hunde vermarktet. Die Vorstellung, dass ein besonders proteinreiches Futter etwas Besonderes oder für bestimmte Hunde besonders geeignet sei, ist damit deutlich älter als die moderne BARF-Bewegung.
Das war für meine Recherche durchaus wichtig. Denn damit wurde auch diese schöne einfache Geschichte komplizierter: Die moderne Hundewelt hat nicht erst durch BARF entdeckt, dass Hunde viel Fleisch brauchen.
Aber auch hier brachte mich die Spur nicht zu der Antwort, die ich eigentlich suchte.
Denn dass „High Protein“ schon früh als besonderes Futter vermarktet wurde, sagt zunächst einmal etwas über die Entwicklung von Futter und Futtermarketing aus. Es beantwortet aber noch lange nicht die Frage, welche Proteinmenge oder welche Proteinquelle für einen gesunden Hund langfristig die beste Lösung darstellt.
Und irgendwann habe ich gemerkt: Die eine Antwort gibt es nicht
Je länger ich recherchierte, desto mehr hatte ich das Gefühl, im Kreis zu laufen. Ich fand historische Belege dafür, dass Hunde mit ganz unterschiedlichen Lebensmitteln gefüttert wurden. Ich fand die Geschichte der Rohfütterung und stellte fest, dass BARF als Ernährungskonzept viel jünger ist, als die heutige Diskussion manchmal vermuten lässt. Ich fand Untersuchungen zu Stärkeverdauung und Amylase, zu Protein, zu verschiedenen Herstellungsverfahren und zur Verdaulichkeit.
Und jedes einzelne Puzzleteil war interessant.
Nur ergaben die Puzzleteile nicht das Bild, das ich eigentlich gesucht hatte.
Ich wollte irgendwann an einen Punkt kommen, an dem ich sagen konnte: Da ist sie. Die klare Antwort. So sollte ein gesunder Hund ernährt werden.
Aber genau diese Antwort fand ich nicht.
Je genauer ich hinsah, desto deutlicher wurde: Wir wissen eine Menge über einzelne Zusammenhänge. Wir wissen aber erstaunlich wenig darüber, welche vollständige Ernährungsform für den gesunden Hund langfristig gesundheitlich überlegen ist.
Und das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Denn unsere Hunde liefern uns im Alltag genau das gleiche Bild. Der eine Hund wird nach der Umstellung auf BARF deutlich stabiler, bekommt eine bessere Verdauung und wirkt insgesamt wieder ausgeglichener. Der nächste blüht regelrecht auf, nachdem er von BARF zurück auf ein passendes Fertigfutter umgestellt wurde. Plötzlich frisst er wieder gern, der Kot wird besser und der Hund kommt im Alltag einfach wieder besser zurecht. Ein anderer funktioniert mit gekochtem Futter wunderbar, während ein weiterer mit genau dieser Form der Fütterung überhaupt nicht zurechtkommt.
Unsere Hunde erzählen uns jeden Tag, dass Ernährung individuell ist.
