Themenwelten #2

Der Reiz hinter dem Verhalten

Wirkung statt Weltanschauung – und warum ich noch eine Ebene tiefer schauen möchte

Ich habe in den letzten Jahren manchmal den Eindruck, dass es in der Hundewelt gar nicht mehr so richtig darum geht, wie wir über Hunde denken, sondern zunehmend darum, zu welchem Lager wir gehören.

Da gibt es die Wattebauschwerfer und die Hardliner – und dazwischen scheint manchmal gar nicht mehr besonders viel Platz zu sein. Entweder bist Du das eine oder das andere. Und wenn erst einmal entschieden ist, wo Du einsortiert wirst, scheint auch ziemlich schnell klar zu sein, wie Deine Arbeit zu bewerten ist.

Dann wird aus einer fachlichen Frage eine Frage der Haltung. Aus unterschiedlichen Herangehensweisen werden Weltanschauungen. Und aus Menschen, die eigentlich über denselben Hund sprechen könnten, werden plötzlich Gegenspieler.

Ich finde das ausgesprochen schade.

Denn natürlich dürfen wir unterschiedliche Auffassungen haben. Natürlich dürfen wir darüber diskutieren, welche Vorgehensweise sinnvoll ist, welche Wirkung ein bestimmtes Vorgehen haben kann und wo Grenzen liegen. Das gehört für mich zu einer fachlichen Auseinandersetzung dazu.

Doch dafür müssen wir miteinander reden können.

Und genau deshalb finde ich das Positionspapier „Wirkung statt Weltanschauung“ von Stephanie Sakrzewski und den Mitunterzeichnern so wichtig. Weil es für mich genau diesen Raum wieder ein Stück aufmacht. Einen Raum, in dem wir nicht zuerst klären müssen, wer zu welcher Fraktion gehört, sondern in dem wir uns wieder anschauen können, was tatsächlich passiert. Was wirkt bei welchem Hund? Was beobachten wir? Was können wir fachlich begründen? Und wo müssen wir vielleicht auch aushalten, dass es nicht auf jede Frage nur eine einzige Antwort gibt?

Das gefällt mir.

Sehr sogar.

Genau darin liegt die Möglichkeit, aus dieser ganzen Entweder-oder-Diskussion einmal ein Stück herauszutreten.

Ich würde sogar noch einen kleinen Schritt weitergehen. Einen, der auf den ersten Blick fast banal klingt. Und dafür müssen wir gar nicht weit ausholen. Es reicht, wenn wir uns einmal einen ganz alltäglichen Reiz anschauen.

Wenn ich in die Hände klatsche, ist das zunächst einmal einfach ein Geräusch. Mehr nicht.

Für einen Hund, der gerade tiefenentspannt neben mir liegt, kann dieses Klatschen kaum mehr sein als ein kurzes „Ach, da war was.“ Vielleicht schaut er einmal zu mir, vielleicht hebt er den Kopf und wartet ab, was jetzt kommt.

Ein anderer Hund fährt vielleicht sofort herum. Er erschrickt, macht einen Satz zur Seite oder geht sogar auf Abstand.

Das Klatschen war dasselbe.

Und natürlich können wir jetzt anfangen, über Lerngeschichte zu sprechen. Über Gewöhnung. Über Erfahrungen. Über die Bedeutung, die ein Hund einem solchen Signal gegeben hat.

Alles richtig.

Ich finde eine andere Frage viel spannender:

Warum kommt dieser Reiz bei dem einen Hund so und bei dem anderen ganz anders an?

Und wenn wir uns diese Frage einmal wirklich stellen, wird es plötzlich ziemlich spannend. Denn dafür müssen wir uns den Hund anschauen, der da gerade vor uns steht und zwar genau in diesem Moment.

Vielleicht ist es ein Rüde, der gerade eine läufige Hündin in der Nase hat und gedanklich eigentlich ganz woanders ist. Vielleicht hatte er am vergangenen Wochenende eine Begegnung, bei der er von einem anderen Hund angegangen wurde, und obwohl für uns inzwischen wieder Alltag eingekehrt ist, ist sein Nervensystem noch längst nicht wieder dort angekommen. Vielleicht kommt er gerade aus dem Urlaub und muss erst wieder in seinen normalen Rhythmus finden. Vielleicht hat er schlecht geschlafen, weil die Nächte in den letzten Tagen unruhig waren. Vielleicht fühlt sich sein Bauch gerade nicht besonders gut an oder irgendwo zwickt etwas, auch wenn wir das von außen gar nicht sehen.

Und vielleicht ist es heute auch einfach ein Hund, der gerade völlig entspannt ist.

Der Reiz, auf den all diese Hunde treffen, kann derselbe sein. Aber der Hund, auf den er trifft, ist es nicht.

Genau da wird es für mich interessant. Denn der Hund bringt immer etwas mit zu diesem Moment. Sein Körper ist in einem bestimmten Zustand, sein Nervensystem arbeitet aus diesem Zustand heraus, seine Aufmerksamkeit ist irgendwo gebunden, seine bisherigen Erfahrungen wirken mit und auch das, was er gerade erwartet, spielt eine Rolle.

Und das bedeutet: Der Reiz allein erklärt noch nicht, was daraus wird.

Erst wenn er auf diesen ganz konkreten Organismus trifft, beginnt das, was wir später als Reaktion beobachten können.

Das ist genau der Punkt, an dem es für mich richtig spannend wird.

Denn wenn derselbe Reiz bei einem Hund etwas Angenehmes auslösen kann und bei einem anderen etwas Unangenehmes, dann reicht es nicht aus, nur den Reiz selbst zu betrachten.

Wir sollten die ganze Situation anschauen:

Den Hund, der gerade vor uns steht. Den Menschen, der diesen Reiz gibt. Und das, was zwischen beiden in diesem Moment passiert.

Und damit sind wir eigentlich wieder mitten bei dem, womit das Positionspapier beginnt: bei der Wirkung.

Nur kann Wirkung eben nicht losgelöst davon betrachtet werden, wie ein Reiz gegeben wird, in welcher Situation er gegeben wird und auf wen er trifft.

Denn auch die Intention des Menschen gehört zu dieser Situation. Ich kann meinen Hund ansprechen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich kann dasselbe tun, weil ich ihn aus einer Situation herausbringen möchte. Ich kann es freundlich tun, angespannt, hektisch oder vielleicht sogar ärgerlich. Für mich ist das möglicherweise immer noch „derselbe Reiz“. Für den Hund ist es jedoch nicht zwingend dieselbe Situation.

Und damit sind wir an einem Punkt, den ich ausgesprochen interessant finde: Ein Reiz trägt seine Wirkung nicht einfach fertig mit sich herum.

Er bekommt seine Wirkung in der Begegnung.

Mit diesem Hund. In diesem Moment. In diesem Kontext. Und mit diesem Menschen.

Und genau hier treffen für mich zwei Dinge aufeinander, die in den Diskussionen über Hunde häufig getrennt voneinander betrachtet werden.

Auf der einen Seite steht die Lerntheorie. Sie gibt uns ein sehr wertvolles Werkzeug an die Hand, um zu beschreiben, was Verhalten mit seinen Konsequenzen macht, wie Verhalten aufgebaut, verändert und gelernt werden kann.

Auf der anderen Seite steht der Hund als lebendiger Organismus, bei dem überhaupt erst einmal etwas ankommen, verarbeitet und bewertet werden muss, bevor wir eine Wirkung beobachten können.

Dazwischen liegt eine Welt.

Und genau diese Welt interessiert mich.

Denn bevor wir darüber sprechen, ob ein Reiz verstärkt oder bestraft, ob etwas hinzugefügt oder weggenommen wird, ob eine Konsequenz Verhalten wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher macht, ist da zunächst dieser eine Hund, auf den der Reiz trifft.

Vielleicht ist dieser Reiz für ihn gerade angenehm. Vielleicht aufregend. Vielleicht völlig bedeutungslos. Vielleicht unangenehm. Vielleicht löst er Angst aus.

Der äußere Reiz kann dabei derselbe sein, doch was daraus wird, entsteht nicht allein aus dem Reiz.

Es entsteht in der Begegnung zwischen Reiz, Organismus und Situation.

Und ich glaube, genau hier öffnet sich ein Raum, der in vielen Diskussionen kaum vorkommt. Dabei ist der Gedanke eigentlich verblüffend einfach: Wir können die Wirkung eines Reizes nicht wirklich verstehen, wenn wir nur auf den Reiz schauen. Wir müssen auch verstehen, worauf er trifft und was dort geschieht.

Das bedeutet für mich nicht, Lerntheorie kleiner zu machen oder eine Methode gegen eine andere auszuspielen. Im Gegenteil. Sie beschreibt einen wichtigen Teil dessen, was passiert, doch eben nicht alles.

Und genau das ist der Grund, warum ich diese ganzen Grabenkämpfe inzwischen manchmal mit einem gewissen Kopfschütteln und gleichzeitig einem kleinen Schmunzeln betrachte.

Da wird mit großer Ernsthaftigkeit darüber gestritten, welcher Teil des Ganzen nun der entscheidende ist. Die einen schauen auf die Methode, die anderen auf die Konsequenz, die nächsten auf die Beziehung oder auf die Motivation. Und natürlich ist jeder dieser Punkte relevant. Sonst würden wir ja nicht darüber sprechen.

Nur wird aus einem wichtigen Ausschnitt ziemlich schnell die Erklärung für das Ganze.

Und genau da wird es für mich schwierig.

Denn der Hund hat leider nicht die Freundlichkeit, sich in einzelne Fachbereiche aufteilen zu lassen. Er kommt immer als Gesamtpaket daher. Mit seinem Körper, seinem Nervensystem, seiner Lerngeschichte, seinen Erfahrungen, seiner aktuellen Situation und mit einem Menschen auf der anderen Seite, der ebenfalls Teil dieser Situation ist.

Deshalb finde ich es manchmal fast ein bisschen amüsant, wie erbittert über einzelne Facetten gestritten wird, während das große Ganze dabei aus dem Blick gerät.

Nicht, weil diese Facetten unwichtig wären. Sie sind es nicht.

Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir stehen mit großem Ernst vor einem Puzzleteil und diskutieren darüber, ob es nun das richtige ist, während der Rest des Bildes noch auf dem Tisch liegt.

 

Du möchtest einmal genauer hinschauen?

Dann habe ich hier noch etwas für Dich: „Was erzählt das Gangbild?“
Eine kleine Beobachtungshilfe, mit der Du den Körper Deines Hundes einmal aus einer anderen Perspektive betrachten kannst.

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