Themenwelten #1
Der größte Denkfehler im modernen Training
Hier liegt der größte Denkfehler im modernen Training
Vielleicht hast Du es selbst schon erlebt.
Auf dem Hundeplatz funktioniert alles. Dein Hund setzt sich auf Signal, bleibt liegen, nimmt das Leckerli freudig entgegen und wirkt aufmerksam und ansprechbar. Du fährst mit einem guten Gefühl nach Hause, weil Du merkst: Das Training trägt Früchte.
Doch schon am nächsten Tag sieht die Welt völlig anders aus.
Beim Spaziergang taucht in einiger Entfernung ein anderer Hund auf. Dein Hund spannt sich an, fixiert sein Gegenüber und plötzlich scheint alles vergessen zu sein. Das Signal, das gestern noch selbstverständlich funktionierte, erreicht ihn nicht mehr. Die Leberwurst interessiert ihn ebenso wenig wie Deine freundliche Stimme. Stattdessen übernehmen Bellen, Ziehen oder völliges Abschalten.
Viele Hundehalter kennen genau diese Momente. Und fast genauso viele stellen sich anschließend dieselbe Frage:
Warum funktioniert mein Hund auf dem Hundeplatz – aber nicht im Alltag?
Denn selbst wenn wir akzeptieren, dass Hunde kontextbezogen lernen, bleibt eine entscheidende Frage offen:
Warum gelingt es manchen Hunden trotzdem, ein Signal auch unter schwierigen Bedingungen abzurufen, während andere scheinbar völlig den Zugang zu ihrem bereits Gelernten verlieren?
Vor zwanzig Jahren hätte ich diese Frage vermutlich anders beantwortet.
Ich hätte erklärt, dass Hunde kontextbezogen lernen. Dass ein Signal nicht automatisch von der Hundeschule in den Alltag übertragen wird. Dass ein „Sitz“ auf dem Hundeplatz eben noch lange kein „Sitz“ im Wald oder in der Fußgängerzone ist.
Und weißt Du was? Diese Erklärung ist nicht falsch.
Sie erklärt nur nicht das ganze Bild.
Heute würde ich die Antwort um eine weitere Ebene ergänzen.
Denn Lernen findet niemals losgelöst von dem Organismus statt, der lernen soll.
Vielleicht hast Du schon einmal den Satz gehört: „Ein gestresster Hund kann nicht lernen.“ In den letzten Jahren hat sich dieses Wissen glücklicherweise immer weiter verbreitet. Wir sprechen über Stress, über Co-Regulation, über Bindung und Sicherheit. Wir wissen heute, dass ein Hund, dessen Nervensystem im Alarmmodus arbeitet, nur eingeschränkt auf das zugreifen kann, was er eigentlich längst gelernt hat.
Das ist ein wichtiger Fortschritt.
Denn tatsächlich übernimmt in solchen Momenten nicht mehr das bewusste Lernen die Führung, sondern uralte Überlebensmechanismen. Fight, Flight oder Freeze sind keine Entscheidungen. Sie sind biologische Programme, die in Sekundenbruchteilen ablaufen und den Organismus darauf vorbereiten, mit einer vermeintlichen Gefahr umzugehen. In diesem Zustand ist es wenig überraschend, dass ein Signal, das auf dem Hundeplatz zuverlässig funktioniert hat, plötzlich nicht mehr abrufbar ist.
Bis hierhin gehe ich uneingeschränkt mit.
Und trotzdem bleibt für mich eine Frage offen:

Denn wenn wir sagen, dass ein Hund aufgrund seines Stresszustandes nicht mehr lernen kann, dann haben wir beschrieben, was gerade passiert. Aber wir haben noch nicht verstanden, warum sich sein Nervensystem überhaupt in diesem Zustand befindet.
Warum verarbeitet der eine Hund einen belastenden Reiz innerhalb weniger Minuten, während ein anderer noch Stunden später unter Anspannung steht? Warum scheint der eine Hund Herausforderungen gelassen zu begegnen, während der andere bereits auf kleinste Veränderungen reagiert? Und warum verändert sich das Verhalten mancher Hunde, obwohl sich weder am Training noch an der Beziehung zu ihrem Menschen etwas geändert hat?
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht nur, warum ein Hund so reagiert. Sondern wodurch der innere Zustand entsteht, aus dem dieses Verhalten überhaupt erst hervorgeht.
Wenn wir diese Frage ernst nehmen, verändert sich unser Blick auf Verhalten grundlegend.
Denn Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es entsteht in einem lebenden Organismus, dessen Milliarden von Zellen ununterbrochen Informationen aufnehmen, verarbeiten und miteinander austauschen. Das Gehirn funktioniert nicht unabhängig vom Körper, es ist Teil eines hochkomplexen Systems, in dem Nerven, Hormone, Immunzellen und Stoffwechselprozesse eng miteinander verbunden sind.
Eigentlich kennen wir dieses Prinzip aus unserem eigenen Alltag.
Nach einer erholsamen Nacht reagieren wir gelassener auf Herausforderungen als nach mehreren Nächten mit schlechtem Schlaf. Wenn wir krank sind, fällt es uns schwerer, uns zu konzentrieren. Unter anhaltendem Stress werden wir dünnhäutiger, reizbarer und treffen manchmal Entscheidungen, die wir in einem ausgeglichenen Zustand niemals treffen würden.
Niemand würde auf die Idee kommen, diese Veränderungen ausschließlich mit fehlender Motivation oder mangelndem Willen zu erklären. Wir wissen intuitiv, dass unser Körper Einfluss darauf nimmt, wie wir denken, fühlen und handeln.
Warum sollte das beim Hund anders sein?
Wenn der Organismus einen so entscheidenden Einfluss auf unser eigenes Verhalten hat, liegt es nahe, dieselbe Frage auch beim Hund zu stellen: Welche biologischen Prozesse beeinflussen eigentlich seine Fähigkeit, Stress zu regulieren, Reize zu verarbeiten und überhaupt lernfähig zu bleiben?
Je länger ich mich mit Verhalten beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass die Antworten oft nicht im Verhalten selbst zu finden waren.. Verhalten war vielmehr das, was an der Oberfläche sichtbar wurde, vergleichbar mit der Spitze eines Eisbergs. Darunter arbeiteten unzählige Prozesse, die wir mit bloßem Auge nicht sehen können und die dennoch maßgeblich darüber entscheiden, wie ein Hund seine Umwelt erlebt.
Der Organismus eines Hundes kennt keine Schubladen. Das Nervensystem kommuniziert ununterbrochen mit dem Hormonsystem. Das Immunsystem steht im Austausch mit dem Gehirn. Der Darm sendet Signale, die Einfluss auf Stimmung, Belastbarkeit und Stressverarbeitung nehmen können. Gleichzeitig verändert jeder Stressreiz wiederum hormonelle Abläufe, den Stoffwechsel und sogar die Aktivität des Immunsystems.
Plötzlich wird deutlich, warum Verhalten so viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
Was wir beobachten können, das Bellen an der Leine, das Meideverhalten, die mangelnde Konzentration oder die scheinbar fehlende Impulskontrolle – ist oft nur das sichtbare Ende einer langen biologischen Kette von Ereignissen.
Wer ausschließlich am Verhalten arbeitet, arbeitet deshalb häufig am Ende dieser Kette.
Die eigentliche Ursache kann jedoch weit früher beginnen.

Vielleicht fragst Du Dich jetzt, ob damit jedes Verhaltensproblem plötzlich biologisch erklärt werden soll.
Nein.
Genauso wenig, wie jedes Verhalten ausschließlich eine Frage der Erziehung oder der Beziehung ist.
Es geht nicht darum, Verhalten neu zu erklären. Es geht darum, den Organismus mitzudenken, aus dem Verhalten hervorgeht.
